Eiseskälte.

Aus dem Tagebuch eines Liebenden.

Ich werde den Moment nie vergessen. Dieser eine Moment, in dem du mich angesehen hast, als wäre ich Anfang und Ende.
Du warst immer so unendlich schön; ich konnte meinen Blick nicht von dir abwenden. Soald du kamst ging die Sonne auf. DU bist mein Anfang und mein Ende.

Nervös ließ er den Stift auf den Schreibtisch fallen. Ich hatte vor dem Bruchteil einer Sekunde sein Büro betreten. Ich lächelte ihn an.

Und sie lächelte. Ihr perfektes Lächeln, welches sie in jeder Situation wie eine Maske tragen konnte ohne, dass es je wie eine wirkte. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich ließ meinen Stift fallen. Ganz toll, blamier' dich richtig vor ihr. Sie legte mir die Zeitung auf den Tisch; die gleiche Stelle, wie jeden Morgen. Sie sagte nichts; wie jeden Morgen. Sie sah anders aus als gewöhnlich. Ich nannte sie manchmal die Eisprinzessin, wenn ich über sie sprach. Ohne das böse zu meinen. Ihre Schönheit kombiniert mit einer Katzenhaftigkeit, der nichts glich, das ich je gesehen hatte. Ich war ihr nie nahe gekommen, außer einmal, als ich ihr etwas am PC erklärte. Ich lehnte mich vornüber, um auf den Bildschirm zu deuten; an ihr vorbei; ihr Geruch setzte sich in meine Nase. Ich drehte mein Gesicht zu ihr und sie blickte mich direkt an. Graue Augen mit einer dunklen Umrandung. Doch heute, da war sie so - anders. Ich hatte sie nie zuvor mit offenen Haaren gesehen.

Ich verharrte einen Moment; wie jeden Morgen. Dann drehte ich mich um und ging.

Sie ging. Der sanfte Duft ihres Parfums lag weiterhin in der Luft. Ich lehnte mich zurück und schloss kurz die Augen. Ich wollte ihr so nah sein. Ich fühlte mich hilflos.

Streit lag an diesem Tag in der Luft. Ich kann es nicht ertragen, wenn diese Spannung herrscht. Ich MUSS von allen geliebt werden, es gibt keine Alternative. Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich war alleine in diesem Raum. Die Tränen stiegen in mir auf; ich versuchte sie hinunter zu schlucken.

Ich folgte ihr. Ich hielt es ohne sie nicht mehr aus. Ich wollte ihr so viel sagen. Und dort stand sie. Allein. Ich trat näher an sie heran; mein Herz setzte kurz aus. Ihre grauen Augen wirkten blau. Sie war mir noch nie so fremd, wie in diesem Augenblick. Sie sah mich an, so offen und frei; so ängstlich und voller Hoffnung. So völlig unbeherrscht. Kaum ein Atom hätte zwischen uns noch Platz gehabt. Ich blickte hinab in ihr Gesicht; sie schaute zu mir auf. Ihre Augen waren feucht.

Hinter mir knallte die Tür ins Schloss beflügelt von einem starken Windstoß. Ich drehte mich hektisch herum, feststellend, dass nichts gewesen war. Doch als ich mich wieder zu ihr wandte, war alles verschwunden. Ihre Augen waren so trocken und grau, wie nie zuvor. Sie blickte mich an; wie sie es immer tat. Und sie lächelte ihr perfektes Lächeln. Und war fortan die Eiskönigin, in deren Blick ich nie wieder eine unerwartete Regung sah.

13.8.15 21:12, kommentieren

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Eskapismus.

Seit langer Zeit sitze ich mal wieder im Wohnzimmer auf dem Sofa. Vor einigen Monaten ist mein Fernseher mit ins Schlafzimmer eingezogen, weil ich nicht mehr schlafen kann und seitdem ist mein Wohnzimmer mehr Platzverschwendung als alles andere.
Mein Sofa, das eigentlich gar nicht 'mein' Sofa ist, sondern das meiner Tante, riecht immer noch nach meinem Onkel. Ich sitze in die Ecke gepresst und genieße diesen Geruch von 'zu Hause'. Meine ganze Kindheit schwemmt hoch. Wie ich mit meiner Cousine stunden-, tage-, wochenlang in dem Kastanienbaum vor unserem Haus gegessen habe. Wie mein Onkel mich immer in den Arm genommen und auf die Stirn geküsst hat, um mir zu versichern, dass alles irgendwann gut würde. Wie meine Tante im Frühjahr Porzellan-Nessie aus dem Keller geholt und im Vorgarten platziert hat.
Es war so lächerlich einfach. Das ganze Dasein.
Und jetzt sitze ich hier und starre vom Wohnzimmer auf mein Bett. Die Tür zum Schlafzimmer ist immer offen. Die Kopfkissen und die Decke sind zerwühlt. Der einzige Anhaltspunkt dafür, dass du überhaupt hier gewesen bist. In meiner Hand halte ich die Katzentasse, die mir meine Oma vor einer Weile geschenkt hat. Weil ich Katzen so gerne mag. Ich stelle sie auf meinem Knie ab und betrachte weiter das Bett.
Als ich aufwachte, warst du schon weg. Wie immer. Und ich drehte mich auf die andere Seite, um auf deinem Kissen zu schlafen. Wie immer. Der süßliche Duft deines Parfüms wird noch tagelang bleiben. Joop Homme. Mir ist absolut bewusst, wie verrückt diese Gedanken sind. Schließlich will ich keine Beziehung mit dir. Du bist so emotionslos und kühl; so völlig anders als ich. Trotzdem fehlst du mir gerade, was ich dir aber keinesfalls jemals sagen würde. Denn dann zerplatzt die Blase, in der wir zusammen existieren können; dieses ganze undefinierte Ding müsste dann defniert werden. Und das will ich nicht. Und ich bezweifle, dass du das möchtest.
Ich habe dir einmal unterstellt, du würdest dich sowieso niemals verlieben. Du meintest, dass du das schon öfter getan hättest. Dann hast du mich mit deinen grauen Augen angesehen. Auf diese Weise. Wie nur du mich anguckst. Und mir mit deiner Hand die Haare aus dem Gesicht gestrichen. Mich eine ganze Weile nur angesehen; bis ich lächeln musste.

Die Sonne fällt durch das Schlafzimmerfenster aufs Bett. Weißt du noch, wie dich das am Anfang gestört hat?
Ich werde einige Tage nichts von dir hören. Du hast länger Dienst am Stück. Damit du danach auch länger dienstfrei hast. Das verbringst du meistens bei mir. Trotzdem hast du hier NICHTS. Nicht mal eine Zahnbürste. Die bringst du jedes Mal mit.
Nach der ganzen Sache mit meinem Verflossenen ist mir das nur Recht. Zumindest kann ich mich immer darauf verlassen, dass du irgendwann doch wieder vor meiner Tür stehst. Was genau genommen gar nicht stimmt. Du hast einen Schlüssel. Weil ich zu faul bin jedes Mal drei Stockwerke nach unten zu laufen. Weil ich mich sicherer fühle, wenn du einen hast, falls ich mich mal aussperre. Weil ich dir damit sagen wollte, dass du Kommen und Gehen kannst, wann du möchtest.
Neulich habe ich meine Nachbarin auf der Straße getroffen und sie fragte, ob ich einen neuen Freund hätte. Ich verneinte und es stimmt. Ich habe keinen neuen Freund. Wenn überhaupt bist du ein alter Freund.

Manchmal denke ich, dass ich in dich verliebt bin. Wenn wir zusammen im Bett liegen und du meinen Arm mit den Fingerspitzen streichelst, weil du weißt, wie gern ich das habe. Wenn du mich auf die Wange küsst, wenn ich mit dem Rücken zu dir stehe und meine Hände voller Ton sind. Wenn du Essen mitbringst. Dann ganz besonders. Und noch mehr, wenn du mich deine gebackenen Bananen vom Chinamann auch noch essen lässt.
Und dann ist es morgens. Und du bist nicht mehr da. Ich bin dann nicht enttäuscht. Und auch nicht überrascht. So funktioniert unser Dings eben. Aber ich weiß, dass ich niemals in dich verliebt sein könnte; außerhalb unserer Seifenblase.

13.8.15 21:11, kommentieren