In den letzten Tagen werde ich immer ungeduldiger. Mit mir selbst, allen Menschen in meinem Umfeld - ganz besonders mit den Männern, die einfach nicht aus dem Quark kommen - und nicht zuletzt mit der gesamten Situation. Bedingt sich allerdings gegenseitig, wenn ich so darüber nachdenke. Ich will alles. Jetzt, gleich und sofort. Wenn möglich eher gestern.

Ich fühle mich motivationslos und gleichzeitig stehe ich dauerhaft unter Strom. Richtiges Scheißgefühl. Außerdem frage ich mich, ob ich nicht das Ufer wechseln sollte. Nicht, dass ich Frauen auf diese Art und Weise gerne hätte, aber mit denen verstehe ich mich besser. Habe ich auch immer die bessere Verbindung. Während ich, in hundert Prozent aller Fälle, bei sämtlichen Männern keinen Schimmer habe.

Langsam wird es kühl draußen; ich habe das Fenster noch offen. Die Gänsehaut breitet sich auf mir aus. Sogar dafür fehlt mir die Motivation.

Ich hadere mit mir selbst. Eigentlich finde ich mich ja voll super. Allerdings scheinen das alle anderen nicht so zu sehen. Gestörte Selbstwahrnehmung? Ein bisschen vielleicht. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass ich meine fehlende Selbstakzeptanz zwanghaft mit der Anerkennung anderer - und hier besonders Männer - ausgleichen möchte und niemanden finden kann, der dem angemessen nachkommt. Und ich finde niemanden, weil ich es obsessiv tue. Es ist ein Teufelskreis. Natürlich wird es nicht besser dadurch, dass ich quasi nichts zu tun habe und für optionale Dinge der Antrieb fehlt.
Also beschäftige ich mich vorwiegend innerhalb meines Kopfes und werde mir wieder einmal gewahr, wie verrückt ich eigentlich bin. Ich habe meine Zwanghaftigkeit letztens Anna getauft. Ich finde es gut, wenn sie einen Namen hat. Die Dinge beim Namen nennen, wie man so schön sagt, bekommt da eine völlig neue Bedeutung.
Anna ist alles, was ich bin, was mich ausmacht. Obwohl sie völlig durchgeknallt ist. Deswegen schiebt Anna auch immer Elisa vor, die einen relativ normalen Eindruck macht. Aber Anna ist sehr dominant und kommt früher oder später doch immer ans Licht. Allerdings wäre ich ohne Anna auch nicht der Mensch, der ich bin. Dann wäre ich irgendwie - unbedeutend.

Auch ein Thema, dass mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Ich bin da und existiere und irgendwann werde ich nicht mehr da sein. Doch, was bleibt dann? Können doch die wenigsten Menschen von sich behaupten, wichtig genug zu sein, dass man danach noch lange über sie spricht. Und mit 'lange' meine ich keine Dauer eines Lebens. Oder zwei. Wichtig genug, damit man Schulklassen damit quälen kann. Und einzigartig genug, damit man mich nicht in eine Reihe einsortiert, wenn man sie für eine Prüfung auswendig lernen muss. Als wüsste ich die Reihenfolge der englischen Monarchen. Und als wenn es mich interessierte. Weiß ich aber doch ganz genau, wer Marie Curie ist, die zugegebenermaßen noch keine Zeitalter tot ist. Allerdings weiß ich auch genau, wer Cicero ist. Und zwar jemand, der mich in der Schule sehr genervt hat. Für dessen literarische Ergüsse ich mich nicht im Mindesten interessiere und doch - werde ich es nicht vergessen. Und zwischen Jane Goodall und Sir Ian McKellen fühle ich mich so unbedeutend und hilflos.

Und dann gucke ich mir meine Kater an. Diese beiden einzigartigen Wesen. In manchen flüchtigen Momenten, wenn sich unsere Blicke treffen und mich bernsteinfarbene Augen ansehen, als wäre ich die Welt. Anfang und Ende. Jedenfalls bis ihnen einfällt, dass es etwas zu essen geben sollte. Dann fühle ich mich unendlich. Oder mindestens unendlich für ihre Leben.

Von meiner Wohnung aus kann ich das Schloss sehen. Dort im Hof wächst ein Tulpenbaum und jeden Frühling fühlt es sich an, als würde der weiße Baum Gondors erneut erblühen.
Erst waren kaum blassrosane Blüten zu sehen, die sich hart gegen die kalten Nächte wehrten. Und umso wärmer es wurde, umso weiter öffneten sie sich. Vor einigen Tagen hat es nachts noch einmal gefroren und die obersten Blüten waren am nächsten Tag braun. Vernichtet von dem eisigen Hauch Vätcherchen Frosts. Doch heute warf ich einen Blick aus dem Fenster, als die Sonne die blassen Blüten energischer strahlen ließ und kein braunes Blütenblatt war mehr zu sehen. Und jedes Frühjahr wieder, warte ich auf den Anblick, wie sich dieser Baum majestätisch aus dem Winterschlaf erhebt.
Ich sehe etwas so romantisches darin, dass ein Foto nicht das einfangen kann, was ich empfinde, wenn ich es sehe.
Vielleicht, wenn es Monet malte. Oder Beethoven darüber komponierte. Und doch weiß ich, dass dieser Zauber nicht lange halten wird. Es wird ein langes Jahr.