Der Wind kommt heute aus Südosten. Und obwohl er viel stärker ist, als er es gestern war, kommt mir die Sonne trotzdem so viel heißer vor. Ich konnte auf der anderen Bank, auf der ich gestern einen Stopp eingelegt habe, heute keine Ruhe mehr finden. Der Wind wehte so laut und erbarmungslos um meine Ohren. Also habe ich den gesamten Weg quasi in einer Etappe hinter mich gebracht.
Der Wald hinter mir scheint den Wind abzufangen. Es ist wieder so schön still.
Außerdem fällt mir auf, dass meine Allergien mich wohl dieses Jahr verlassen haben. Normalerweise bekomme ich nach einigen Minuten in der direkten Sonne bereits überall Pusteln. Vor ungefähr sechs Wochen hatte meine Oma bei sich zu Hause eine Hyazinthe im Flur stehen. Bedeutet für mich folgendes: Ich kriege Ausschlag und niese mich fast tot. Aber nichts. Einfach nichts.

Weit entfernt höre ich ein Flugzeug. Es klingt allerdings, als würde das Geräusch in einer anderen Sphäre stattfinden. Und irgendwie ist es auch so.
Ich habe meine Schuhe ausgezogen. Meine Füße berühren den Boden nicht, dafür bin ich nicht groß genug. Einige Grashalme streifen meine Fußsohle.
Ich habe selten kalte Füße. Unterstützt meine Behauptung, dass ich eigentlich ein Kerl bin. Nicht auf die 'Transgender'-Weise. Ist mehr so eine innere Einstellung, die manchmal zwischen Anna und Elisa auftaucht.
Jedenfalls brennt die Sonne wahnsinnig auf meinen Füßen. Sogar durch die Socken hindurch.

Ich habe das Zeitgefühl verloren. Stört mich aber gerade wenig. Allerdings wundert es mich, dass man hier oben niemals jemanden zu treffen scheint. Kann aber gerne so bleiben.
Ich kann von hier aus beobachten, wie der Wind die jungen Halme des Getreides auf den Feldern wiegt, wie die Wellen im Wasser. Ich lege mich einen Augenblick auf die Bank und ziehe mein dunkelgrünes Shirt ein Stück nach oben. Die Sonne fühlt sich auf meinem Bauch sehr sanft an. Und der Wind pinselt mir denselbigen.
Dann lege ich mir einige Strähnen meiner Haare über mein Gesicht, weil die Sonne so grell ist, dass es nicht reicht die Augen zu schließen. Sie riechen noch nach meiner Spülung, die aber leider nicht nach mir riecht. Oder wie ich selber glaube, dass ich riechen sollte. Ich schaue mir die Spitzen meiner Haare an, als sie so auf meinem Gesicht liegen. Über mir der wolkenlose, blaue Himmel. Sie sind ausgeblichen. Beinahe blond. Die letzten Überreste meiner jahrelangen Färberei. Allerdings rot und niemals blond. Aber wenn die Spitzen erstmal kaputt sind, hält sich die Farbe kaum mehr darin.

Nach einiger Zeit setze ich mich wieder auf. Halb zwei. Neue Nachricht bei WhatsApp. Meine frühere Affäre. Kein Interesse. Ich werde nicht zurück schreiben. Bei der Gelegenheit gucke ich nach, ob der Musiker geschrieben hat. Hat er nicht. Im Gegensatz zu mir, muss er schließlich arbeiten. Er fehlt mir ein bisschen, was seltsam ist. Wir haben gestern wohl ein neues Level erreicht.

Plötzlich wird es um mich herum laut. Kettensägen. Ein Baum kracht auf den Boden. Stille. Und wieder von vorne.
Kurz darauf fährt ein Forstfahrzeug an mir vorbei und hält in meiner Nähe. Noch bin ich lethargisch. Ein Mann steigt aus und holt eine Kettensäge hervor, mit der er nahe im Wald verschwindet. Ich flüchte. Wie ein Reh, das aufgeschreckt wurde.
Ich kehre auf den Asphalt zurück und laufe den Hang ein Stück hinab. Aus sicherer Entfernung beobachte ich das Treiben noch eine Weile, dann wende ich mich ab.