Eskapismus.

Seit langer Zeit sitze ich mal wieder im Wohnzimmer auf dem Sofa. Vor einigen Monaten ist mein Fernseher mit ins Schlafzimmer eingezogen, weil ich nicht mehr schlafen kann und seitdem ist mein Wohnzimmer mehr Platzverschwendung als alles andere.
Mein Sofa, das eigentlich gar nicht 'mein' Sofa ist, sondern das meiner Tante, riecht immer noch nach meinem Onkel. Ich sitze in die Ecke gepresst und genieße diesen Geruch von 'zu Hause'. Meine ganze Kindheit schwemmt hoch. Wie ich mit meiner Cousine stunden-, tage-, wochenlang in dem Kastanienbaum vor unserem Haus gegessen habe. Wie mein Onkel mich immer in den Arm genommen und auf die Stirn geküsst hat, um mir zu versichern, dass alles irgendwann gut würde. Wie meine Tante im Frühjahr Porzellan-Nessie aus dem Keller geholt und im Vorgarten platziert hat.
Es war so lächerlich einfach. Das ganze Dasein.
Und jetzt sitze ich hier und starre vom Wohnzimmer auf mein Bett. Die Tür zum Schlafzimmer ist immer offen. Die Kopfkissen und die Decke sind zerwühlt. Der einzige Anhaltspunkt dafür, dass du überhaupt hier gewesen bist. In meiner Hand halte ich die Katzentasse, die mir meine Oma vor einer Weile geschenkt hat. Weil ich Katzen so gerne mag. Ich stelle sie auf meinem Knie ab und betrachte weiter das Bett.
Als ich aufwachte, warst du schon weg. Wie immer. Und ich drehte mich auf die andere Seite, um auf deinem Kissen zu schlafen. Wie immer. Der süßliche Duft deines Parfüms wird noch tagelang bleiben. Joop Homme. Mir ist absolut bewusst, wie verrückt diese Gedanken sind. Schließlich will ich keine Beziehung mit dir. Du bist so emotionslos und kühl; so völlig anders als ich. Trotzdem fehlst du mir gerade, was ich dir aber keinesfalls jemals sagen würde. Denn dann zerplatzt die Blase, in der wir zusammen existieren können; dieses ganze undefinierte Ding müsste dann defniert werden. Und das will ich nicht. Und ich bezweifle, dass du das möchtest.
Ich habe dir einmal unterstellt, du würdest dich sowieso niemals verlieben. Du meintest, dass du das schon öfter getan hättest. Dann hast du mich mit deinen grauen Augen angesehen. Auf diese Weise. Wie nur du mich anguckst. Und mir mit deiner Hand die Haare aus dem Gesicht gestrichen. Mich eine ganze Weile nur angesehen; bis ich lächeln musste.

Die Sonne fällt durch das Schlafzimmerfenster aufs Bett. Weißt du noch, wie dich das am Anfang gestört hat?
Ich werde einige Tage nichts von dir hören. Du hast länger Dienst am Stück. Damit du danach auch länger dienstfrei hast. Das verbringst du meistens bei mir. Trotzdem hast du hier NICHTS. Nicht mal eine Zahnbürste. Die bringst du jedes Mal mit.
Nach der ganzen Sache mit meinem Verflossenen ist mir das nur Recht. Zumindest kann ich mich immer darauf verlassen, dass du irgendwann doch wieder vor meiner Tür stehst. Was genau genommen gar nicht stimmt. Du hast einen Schlüssel. Weil ich zu faul bin jedes Mal drei Stockwerke nach unten zu laufen. Weil ich mich sicherer fühle, wenn du einen hast, falls ich mich mal aussperre. Weil ich dir damit sagen wollte, dass du Kommen und Gehen kannst, wann du möchtest.
Neulich habe ich meine Nachbarin auf der Straße getroffen und sie fragte, ob ich einen neuen Freund hätte. Ich verneinte und es stimmt. Ich habe keinen neuen Freund. Wenn überhaupt bist du ein alter Freund.

Manchmal denke ich, dass ich in dich verliebt bin. Wenn wir zusammen im Bett liegen und du meinen Arm mit den Fingerspitzen streichelst, weil du weißt, wie gern ich das habe. Wenn du mich auf die Wange küsst, wenn ich mit dem Rücken zu dir stehe und meine Hände voller Ton sind. Wenn du Essen mitbringst. Dann ganz besonders. Und noch mehr, wenn du mich deine gebackenen Bananen vom Chinamann auch noch essen lässt.
Und dann ist es morgens. Und du bist nicht mehr da. Ich bin dann nicht enttäuscht. Und auch nicht überrascht. So funktioniert unser Dings eben. Aber ich weiß, dass ich niemals in dich verliebt sein könnte; außerhalb unserer Seifenblase.

13.8.15 21:11

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