Als ich neulich auf der Suche nach etwas völlig anderem im Bücherregal auf lose Fotos stieß, wurde ich in meinem emotionalen Abstand zu einigen Ereignissen doch wieder stark zurück geworfen.

Hatte ich im letzten Jahr ein Auf und Ab meiner Gefühle durchlebt; immer balancierend auf den Grenzen; war ich mir vorgekommen, wie mit Borderline-Syndrom.

Angefangen hatte es, wie es endete: Irgendwie lächerlich.
Habe ich IHN kennengelernt, wir haben uns super verstanden und entgegen meiner oft zurückhaltenden Art, habe ich einem Date schnell zugestimmt.
Wider meines üblichen Verhaltens sofort in Flammen zu stehen, war das Gefühl eher seicht. Eine Weile, als wir schon zusammen waren, fragte ich mich regelmäßig, ob es wirklich DAS ist, was ich fühlen wollte. Klar, ich hatte ihn gerne, aber das Kribbeln war nicht da. Und mein Typ war er im Grunde genommen auch nicht. Viel zu klein, wenn auch größer als ich, dunkle Haare und vom Wesen her so unruhig. Immer auf der Suche nach Beschäftigung.

Und plötzlich, ohne das ich es gemerkt hatte, brannte ich. Ich stand in Flammen und habe an nichts anderes mehr denken können. Alles andere wurde nebensächlich für mich. Ich wollte nur bei ihm sein. Einfach immer. Zu der Zeit habe ich noch zu Hause gewohnt, wollte aber aufgrund verstärkter Reibereien endlich ausziehen. Und als er anfing darüber zu sprechen, dass er seine Wohnung kündigen wollte und ins Gespräch kam, ob wir zusammen ziehen, hätte ich kaum mehr glücklicher sein können.

Noch.

Kaum haben wir eine Woche zusammen gewohnt und er war samstags morgens in der Uni, gab es das erste Unglück, dass alles überschatten sollte: Meine kleine Indy, eine Tierheimkatze, die ich 3 Jahre lang gehegt und gepflegt habe, ganz besonders als sie schlimm krank wurde, starb. Der Tierarzt hatte mir immer wieder gepredigt, dass sie es vermutlich nicht schaffen würde, aber als sie eine Woche überstanden hatte, dann einen Monat und immer so weiter, habe ich nicht mehr damit gerechnet.
Und außerdem wollte ich es nicht glauben, dass sie irgendwann einfach nicht mehr da sein würde. Bis heute kann ich sie nicht loslassen und werde ich vermutlich auch nie. Der Vorwurf, dass ich hätte mehr machen sollen, obwohl ich nicht weiß was, kommt immer wieder zurück. Und sie fehlt mir wahnsinnig und es ist, als hätte sie einen Teil von mir mitgenommen. Viele können das nicht nachvollziehen, sie wäre doch nur ein Tier. Das stimmt zwar, sie war ein Tier, aber für mich war sie viel mehr als das. Sie war meine Katze und ich war ihr Mensch. Nicht weniger. Meine Welt lag in Scherben und in mir war es einfach tot. Ich trauerte so sehr, dass trauern einfach nicht genug war. Es ging mir immer schlechter, obwohl ich nach einer Weile mein äußeres Bild wieder aufgerichtet hatte, weil es ja doch keiner verstand.

Und ich merke, dass der Mann an meiner Seite nicht auf die Weise für mich da war, wie ich es gebraucht hätte. Bei jeder Gelegenheit ließ er mich damit allein und ging mir absichtlich aus dem Weg. Und ausgerechnet für ihn empfand ich so viel, dass ich nicht mehr stark genug war, ihn zu verlassen.
Möglicherweise würde man denken, dass das Maß irgendwann voll gewesen wäre. Aber nein, dass war es offensichtlich nicht.
Dieses Verhalten zog sich einige Monate hin. Er hatte einen neuen Job, die Fahrerei war wahnsinnig und wir beschlossen, dass es sinnvoller wäre, dass er dorthin zieht. Er versprach mir die Welt, wir würden uns oft sehen und ich wollte es so gerne glauben. Die Tatsache, dass er mir an meinem Geburtstag verkündete, dass er den nächsten Tag ausziehen würde, war da doch minimal ein dunkler Schatten über dem Paradies und ich war so enttäuscht und sauer und in mir brannte alles. Doch selbst das war nicht genug, um ihn und seinen Narzissmus an die Frischluft zu setzen.

Plötzlich starb sein Vater. Mein Groll war verflogen, es tat mir so leid und ich wollte für ihn da sein. Aber er ließ mich nicht. Da jeder anders mit Trauer umgeht, beschloss ich, ihm etwas Freiraum zu geben. Doch anstatt zu trauern, nutze er den, um den Abstand zwischen uns immer größer werden zu lassen. Ich habe ihn eine Millionen Mal gefragt, ob er sich trennen wollte und hätte er auch nur einen Funken Anstand gehabt, hätte er es getan, anstatt die letzten glimmenden Reste immer noch zu schüren.
Weihnachten wollte er gar nicht kommen, hat sich dann aber doch breitschlagen lassen. Ich fragte ihn vorher nach Silvester, worauf er antwortete, er hätte so viel mit dem Erbschaftskram zu tun und dafür im Moment keinen Kopf. Allerdings um an Silvester selbst spontan zu einem Bekannten zu gehen, dafür hatte er den Kopf.

Von da bis zur Trennung haben wir uns einmal gesehen. Einmal. In zwei Monaten. Nach einer letzten sinnlosen kurzen Diskussion, trennte sich mein Verstand. Und mein Herz ließ los. Ich sagte nichts mehr zu ihm. Ich sagte ihm nicht, dass ich Schluss machte. Ich machte es einfach. Ich war taub. Innen wie außen. Ich spürte nichts, ich war nicht mal richtig traurig.
Und langsam klaubte ich mich vom Boden auf. Setzte jedes Teil dorthin zurück, wo es hingehörte.

Und dann fand ich die Fotos. Fotos, die ich gemacht hatte, als wir noch scheinbar glücklich waren. Wo er in die Kamera lächelte, verschlafen, morgens, im Bett. Ich nahm die Fotos, wie sie waren und steckte sie zurück ins Regal. Und lies alles raus, was ich nach der Trennung nicht raus gelassen hatte. In nichtmal einem Jahr hatte er mich gebrochen. Alles, was ich war. Und so bin ich der Kollateralschaden.